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Quelle Rhein-Neckar-Zeitung vom 16. Mai 2002

Essen wie die echten Griechen vom Land
Das "Mese-Haus" im historischen Weinheimer Ratskeller

Von Roland Kern

Wenn Griechen kochen, gut kochen, dann haben sie alle Zeit der Welt. Sie sind schließlich auch näher bei den Göttern, wenn man der Sage glaubt. Und welche Rolle spielt dann schon die Zeit? Die Lammstücke aus der Keule schmort Kasim Ertania gerne in würziger Oreganosauce, weil das Gewürzkraut dem jungen Schaf ins Fleisch dringt wie ein Stück weiche Butter ins warme Brot. Lange umschmurgelt der Sud das Fleisch im steinernen Topf, der tief im Backofen steht. Fast zwei Stunden. Es wird mürbe und von den Aromen durchdrungen, bis es sich mit der Gabel auseinanderdrücken lässt und auf der Zunge zergeht. Riganato, so heißt das griechische Lammgericht, das im "Mese-Haus" Weinheimer Ratskeller mit breiten Nudeln, Karotten (leider etwas zu weich) und frischem Beilagensalat auf den Tisch kommt (13 Euro).

Etwas kräftiger, durchzogen vom leicht herben Geschmack geschmolzenen Schafskäses, kommt der lamm-haltige Speisekartennachbar daher: der Exochikon, fruchtig durch die gegrillte Tomate und den Kräutern. Das Lammfleisch diese urwüchsigen griechischen Gerichtes wurde in der Folie gebraten. Eine Speise für die Götter (13.70 Euro). Der Saft und die Aromen bleiben so erhalten. Nur Zeit braucht man eben dazu, wie die Griechen, wenn sie kochen. Gut kochen.
"Die griechische Küche hat in Deutschland ein Imageproblem", sagt Rosi Lang, seit 20 Jahren Chefin und "Mädchen für alles" im Weinheimer Ratskeller. Sie kann dafür jedenfalls nichts: Den woanders obligatorischen Mixed-Spieß oder Bauern-Spieß sucht man in dem alten Fachwerkhaus (erbaut 1605, Gasthaus seit 1865) vergebens, auch nicht mit einem Berg Pommes und mit einem Ouzo im Paket.

Das hat für sie, die lange Jahre mit einem Griechen zusammenlebte und von einem griechischen Koch alles lernte, was sie heute kann, nichts mit der eigentlichen griechischen Küche zu tun. "Ich habe in Griechenland noch nie einen Spieß gegessen", kann sie nur schmunzeln über manche eingedeutschte Grillerie. Sie selbst ist eigentlich Autodidaktin am Herd, lernte viel von ihrem griechischen Küchenchef, als sie 1982 den historischen Ratskeller übernahm, reiste viel durch die ländlichen Regionen Griechenlands ("am liebsten esse ich dort in kleinen Orten in kleinen Dorfgasthäusern") und feilte mit Fantasie an der eigenen Handschrift. Das ist ihr gelungen. Im historischen Häuschen, das etwa 100 Meter entfernt vom berühmten Weinheimer Marktplatz steht, speisen, wie sie sagt, fast 90 Prozent Stammgäste. Viele sind Griechenland-Fans und Urlauber, die sich dort regelmäßig ein paar Urlaubserinnerungen auf der Zunge zergehen lassen. Neben der eher rustikalen Gaststube, hat Rosi Lang vor zwei Jahren das Nebenzimmer mediterran hergerichtet, die Wand ist weiß gekalkt. Ein Schwertfisch, gegrillt mit Olivenöl, Zitrone und Oregano (16 Euro) - und irgendwo her wird schon die Mittelmeer-Sonne scheinen.

Doch die eigentlichen Spezialiäten des Hauses sind die Vorspeisen, deshalb hat die Wirtin vor drei Jahren dem altehrwürdigen Ratskeller einen Beinamen verpasst: Das Mese-Haus (Betonung auf dem zweiten E, lang gesprochen). Mese, das ist der griechische Begriff für das arabische Wort Marze, das auf deutsch soviel heißt, wie: Kleine Speisen. Es sind diese herrlich-sündigen Leckereien und Köstlichkeiten, die in kleinen Portionen zubereitet werden, vergleichbar mit den spanischen Tapas.

Mehr als 20 dieser Mesedes stehen im Ratskeller ständig auf der Karte (und es ist nur ein linguistischer Zufall, dass sich das Wort so anhört, als würde man eine berühmte deutsche Automarke nach drei Vierteln Wein aussprechen). Da gibt es die Taramasolata, die feine Fischrogencreme, den gerösteten und marinierten Spitzpaprika, die sauer eingelegten Sardellenfilets, oder die Psarokroketes (Seewolf in Bierteig) sowie die Putenröllchen in Speckmantel an pikanter Tomaten-Sahne-Sauce (alle Mesedes zwischen 4 und 8 Euro). Die kleinen Gaumenschmeichler können beileibe nicht nur als Vorspeisen genossen werden. (Rosi Lang bereitet Mese-Buffets auch im Catering-Service zu). Die Mesedes werden im "Mese-Haus" mit Vorliebe in größeren Gesellschaften genossen, wobei das Tauschgebaren der antiken Griechen wieder gepflegt wird. Meistens werden daraus überaus gesellige Stunden, in denen wieder viel von der deutschen Automarke mit dem schwierigen Namen die Rede ist.

A propos. Der berühmte "Demestica" genießt im Mese-Haus zwar mittlerweile bei Stammgästen eine Art Kultcharakter (und immer mal wieder wird auch locker fachmännisch ein "domestos" bestellt), aber die griechische Weinauswahl passt sich dem ausgefallenen und qualitätsbewussten Anspruch der Küche an. Wir probierten einen Sauvignon blanc vom Weingut Lazaridis (er lebte übrigens lange Zeit im südhessischen Lampertheim), der die Zunge zum Fisch-Vorspeisenteller angenehm erfrischte (Flasche 19 Euro) und gönnten dem geschmorten Lammfleisch auf dem Weg zum Magen einen Merlot mit reifem Barrique-Ton aus dem gleichen Hause.